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Vom Überleben zum Leben: Wie Mika nach Jahrzehnten in der Prostitution heute lebt

Mika ist heute 60 Jahre alt. Sie lebt in einer staatlich subventionierten Wohnung in der Nähe von Tel Aviv. Ihr Zuhause ist schlicht, aber sicher. Wenn sie morgens aufwacht, ist es ruhig. Keine Angst vor jemandem, der sie kontrolliert oder bestimmt.


Vor einigen Jahren hielt sie mit Tränen in den Augen ihre Mitarbeiterkarte eines Callcenters in der Hand und sagte gerührt: «Ich kann nicht glauben, dass ich diesen Job bekommen habe.» Für Mika war dieser Moment kaum vorstellbar. Fast 40 Jahre lang war ihr Leben geprägt von Gewalt, Ausbeutung und unfreiwilliger Prostitution.

Die Geschichte, die wir von Mika erzählen, liegt einige Jahre zurück. Der Wendepunkt begann etwa 2021 – in einer Zeit, in der sie körperlich und emotional an einem Tiefpunkt angekommen war.


Wohnblock in einem einfachen Viertel nahe Tel Aviv.
Symbolbild einer Wohngegend nahe Tel Aviv. Foto von Vladimir Anikeev auf Unsplash

Aufgewachsen mit Gewalt

Mika* wurde in Lod geboren, einer Stadt südöstlich von Tel Aviv. Sie wuchs als mittleres Kind mit sieben Brüdern auf. «Soweit ich mich erinnern kann, haben meine Eltern immer gestritten. Wir waren meinem Vater nie gut genug. Er beschimpfte und schlug meine Mutter und uns Kinder ständig», erzählt Mika.


Mit 14 Jahren verliess sie die Schule. Sie wollte eigentlich nicht. Sie war eine gute Schülerin, doch ihr Vater war überzeugt, dass sie mehr wert wäre, wenn sie Geld nach Hause bringt. Also begann sie zu arbeiten. Doch egal, was sie tat – es genügte nie. Mit 16 Jahren verliess Mika ihre Familie. «Ich hoffte auf eine bessere Zukunft und dass sich schon irgendwie alles ergeben würde. Leider kam es anders.»


Wie Mika in Ausbeutung geriet

Kurz nach ihrem Auszug verliebte sich Mika in einen Mann. Doch statt Sicherheit begann eine neue Form der Abhängigkeit. Er manipulierte sie, drängte sie in die Prostitution und nahm ihr das verdiente Geld weg. «Ich war so geblendet von ihm und hatte Angst. Ich traute mich nicht, etwas dagegen zu unternehmen.»


Zwei Jahre lang lebte sie in dieser Situation. Später lernte sie einen anderen Mann kennen, den sie kurze Zeit später heiratete. Sie hoffte erneut auf einen Neuanfang.

Doch auch diese Beziehung war geprägt von Gewalt. Er missbrauchte sie und schlug sie regelmässig. Eines Tages wachte Mika im Krankenhaus auf. Er hatte ihr ein Messer in den Bauch gerammt.


Der Moment, an dem nichts mehr ging

Anfang zwanzig kehrte Mika in das zurück, was sie kannte: die Prostitution.

«Ich war pleite und verzweifelt. Ich hatte niemanden. Alle Menschen, die mir nahestanden, hatten mich ausgenutzt oder verletzt.»


Viele Jahre lang blieb sie in diesem Kreislauf. Bis sie vor einigen Jahren brutal angegriffen wurde. Ein Freier brach ihr die Rippen und Schädeldecke und verletzte ihr Gesicht schwer. Zum ersten Mal griff Mika zu Drogen, um ihre Angst zu betäuben und schlafen zu können. «Ich fühlte mich wie in einem dunklen Tunnel ohne Ausweg. Irgendwann wurde mir klar, dass ich es alleine nicht mehr schaffe.»


Der erste Schritt in ein neues Leben

Etwa im Jahr 2021 hörte Mika über andere Frauen vom Arbeitsintegrationsprogramm von Hope Center, der Tochterorganisation von glowbalact in Israel. Im ersten Gespräch wurden ihr viele Fragen gestellt – über ihre Vergangenheit, ihre Wünsche und ihr Leben.

«Es war nicht einfach, darüber zu sprechen. Aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass sich jemand wirklich für mich interessiert und Potenzial in mir sieht.»


Mit dem Teilnahme am Programm veränderte sich ihr Alltag von einem Tag auf den anderen. Drei Monate lang besuchte Mika mehrmals pro Woche den Basiskurs – mit Themen wie Grundkentnisse zu Computeranwendungen, Stärkenworkshops oder Bewerbungstraining.

Für Mika war das eine grosse Umstellung. «Ich war mein Leben lang daran gewöhnt, nachts zu arbeiten. Plötzlich morgens aufzustehen und tagsüber unterwegs zu sein, war sehr schwer.»


Die Sozialarbeiterinnen vom Hope Center erkannten schnell, dass Mika noch mehr Unterstützung brauchte. Das Erlebte hinterliess schwere körperliche und psychische Folgen. Sie erhielt zusätzlich psychologische Unterstützung und Hilfe.


Auch finanziell stand sie unter Druck. Sie hatte grosse Schulden, die sie zusätzlich sehr belasteten. Von der Sozialbank Ogen erhielt sie ein zinsloses fünfstelliges Darlehen. Nicht nur das, auch eine sichere Übergabe an die Gläubiger konnte organisiert werden.

«Als ich zum ersten Mal schuldenfrei war, konnte ich es kaum glauben. Es fühlte sich an, als würde eine riesige Last von mir abfallen.»


Im laufe des Kurses und der Begleitung merkte man, dass Mika besonders talentiert im Sprechen und im Umgang mit Menschen ist. Diese Stärke half ihr bei der Bewerbung für die Stelle im Callcenter. Als es dann wirklich klappte, war die Freude riesig. In dem Moment, als sie ihre Mitarbeiterkarte in der Hand hielt, musste sie weinen. «Ich konnte nicht glauben, dass ich diesen Job bekommen habe», erzählt sie stolz.


Ein Zuhause und neue Stabilität

Trotz neuer Arbeit blieb eines schwierig: Obwohl sie nicht mehr in der Prostitution arbeitete, lebte sie weiterhin im Milieu. Männer aus ihrem früheren Leben liessen sie nicht in Ruhe.

«Ich fühlte mich trotz meines neuen Alltags noch immer gefangen in alten Mustern.»


Erst nach längerer Suche erhielt sie die Zusage für eine staatlich subventionierte Wohnung. Für Mika bedeutete dieser Umzug weit mehr als nur ein Dach über dem Kopf. «Zum ersten Mal hatte ich einen Ort, an dem ich mich sicher fühlte.» Mit der Zeit stabilisierte sich ihr Leben zunehmend. Sie arbeitete mehrere Jahre im Callcenter und erlebte erstmals, wie sich ein geregelter Alltag anfühlt. In dieser Zeit lernte Mika zudem einen Mann kennen, mit dem sie eine gesunde, gewaltfreie Beziehung führte – etwas, das sie zuvor nicht kannte.


Update 2026: Wie es Mika heute geht

Heute lebt Mika noch immer in ihrer Wohnung nahe Tel Aviv. Sie arbeitet inzwischen nicht mehr, ist aber nie wieder in die Prostitution zurückgekehrt.

Ihr Lebenspartner ist leider nach vier Jahren erfüllter Beziehung verstorben. Ein Verlust, der Mika tief trifft. Gleichzeitig hinterliess er ihr finanzielle Sicherheit, durch die sie heute gut über die Runden kommt.


Mit Unterstützung hat sie es geschafft, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Wenn man heute mit ihr spricht, wirkt sie ruhiger. Nicht frei von Schmerz, aber frei von dem Leben, das sie fast 40 Jahre gefangen hielt. Sie ist sehr dankbar, dass sie eine Beziehung ohne Gewalt und Missbrauch erleben durfte und heute ein Umfeld hat, das sie trägt.


*Der Name wurde geändert. Zum Schutz verwenden wir ein Pseudonym.



Was Mikas Geschichte zeigt

Jede Frau bringt ihre eigene Geschichte, Vergangenheit und Erlebnisse mit. Der Ausstieg aus der unfreiwilligen Prostitution oder aus Menschenhandel ist komplex und erfordert ein umfangreiches Verständnis. Es braucht Fachpersonen, wie unsere Sozialarbeiterinnen, die zuhören, sie begleiten und die richtigen Fragen stellen.


Das Ziel ist immer, die einzelne Person zu sehen und ihr die individuelle Begleitung zu ermöglichen, die sie braucht, damit ein Weg in eine neue Zukunft umsetzbar wird.


Wenn du Frauen wie Mika unterstützen möchtest, kannst du konkret mit einer Spende helfen oder beim Muskathlon Schweiz 2026 selbst aktiv werden und Spenden sammeln.

 
 
 

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