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Hinter den verschlossenen Türen von Jerusalem

Viele kennen Jerusalem aus den biblischen Geschichten. Und für viele, die zum ersten Mal dort sind, werden diese Geschichten plötzlich greifbar: Wenn man durch die engen Gassen geht, in der warmen Luft den Geruch der alten Steinmauern wahrnimmt und Orte wiedererkennt, von denen man beeindruckt gelesen hat.


Tabea Oppliger vor einer verschlossenen Tür in Jerusalem.
Hinter manchen Türen in Jerusalem verbirgt sich eine unschöne Realität.

Mitten in dieser Stadt geht man aber auch an so manchen Türen vorbei, ohne erkennen zu können, was sich dahinter abspielt. Hinter diesen Wohnungstüren verkaufen Frauen ihren Körper, während draussen das Leben ganz normal weitergeht – in einer Stadt, in der das Leben vieler Menschen stark von Religion geprägt ist. Und Prostitution ist für die meisten von ihnen ein klares Tabuthema.


«Etwa 80 bis 85 Prozent der Frauen und Männer, die wir begleiten, stammen aus religiösen oder ultraorthodoxen Gemeinschaften – jüdischen wie muslimischen», sagt Shir Shiachi, Leiterin der Levinsky Klinik, die in Jerusalem Betroffene aus dem Dunstkreis der Prostitution unterstützt. «Wer dort offen über Prostitution spricht, riskiert alles: den Ausschluss aus der Gemeinschaft und den Kontakt zu Familie und Freunden.»


Aus Angst und Scham suchen viele Betroffene erst spät Hilfe. Oft sprechen sie jahrelang mit niemandem darüber und verlieren zunehmend Halt. Erst wenn der Leidensdruck zu hoch wird, wenden sie sich an Hilfsangebote.

Die Levinsky Klinik begleitet derzeit rund 60 Frauen und Männer mit regelmässigen Gesprächen und wöchentlichen Gesundheitsangeboten. Doch der Bedarf ist deutlich grösser. «Unsere Warteliste ist lang, und jede Woche kommen neue Anfragen hinzu», sagt Shir Shiachi. «Wir können in erster Linie akute Hilfe leisten; für alles, was danach kommen müsste, fehlen uns oft die Kapazitäten.»


Blick über die Stadt Jerusalem.
Jerusalem, die Stadt aus den biblischen Geschichten. Foto von Dariusz Kanclerz auf Unsplash

Die aktuelle Lage im Land verschärft die Situation zusätzlich. In Zeiten von Unsicherheit und Krise geraten besonders verletzliche Menschen noch stärker unter Druck. Jetzt zeigt sich noch mehr, wie entscheidend verlässliche Begleitung ist, damit sie in dieser Situation nicht sich selbst überlassen bleiben, sondern eine echte Perspektive erhalten.


Gerade was nach der ersten Hilfe kommt, bleibt oft unklar. An diesem Punkt entscheidet sich jedoch, ob ein Ausstieg dauerhaft gelingt oder ob Betroffene mangels Perspektive wieder in die Prostitution zurückkehren. Mit unserem Arbeitsintegrations-Programm entsteht hier nun erstmals eine konkrete Perspektive. Tabea Oppliger, Gründerin unseres Vereins glowbalact, sagt: «Es war ein jahrelanger Wunsch, unser Programm auch in Jerusalem anzubieten. Gerade hier, wo die Betroffenen zusätzlich in einem religiösen Spannungsfeld leben, wird der Weg aus der Prostitution in ein selbstbestimmtes Leben noch schwieriger.»


Das Programm ergänzt das Angebot der Levinsky Klinik mit einem dreimonatigen Basiskurs zur beruflichen Integration und individueller Begleitung durch ausgebildete Sozialarbeiterinnen auf dem Weg in andere Arbeitsoptionen und in ein neues Leben. Das Programm wird eigenständig von unserem Team vor Ort durchgeführt. Dabei arbeiten sie in enger Partnerschaft mit der Klinik zusammen: Gemeinsam wird geprüft, welche Betroffenen nach der ersten Stabilisierung bereit sind, daran teilzunehmen.


Für zahlreiche von ihnen ist das der erste konkrete Schritt in eine andere, hellere, auch freiere Zukunft. «Wir glauben, dass jede Frau und jeder Mann mehr ist als das, was sie erlebt haben», sagt Tabea Oppliger. «Auch nach Jahren der Prostitution ist ein neuer Anfang möglich, und genau dafür wollen wir in Jerusalem Raum schaffen.»



Unsere Arbeit ist nur möglich, dank vieler Menschen, die uns finanziell unterstützen. Wenn Sie Frauen und Männern in Jerusalem und in ganz Israel einen Neuanfang ermöglichen möchten, können Sie uns gerne hier unterstützen. Vielen Dank!

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